Der schmale Grat zwischen Können und Einbildung

Sicher über die Alpen fliegen

Warum mich ein einziger Tag fast das Leben gekostet hätte - Bevor wir über GAFOR, Höhenwinde, Webcams, Modelle und all die Werkzeuge sprechen, die heute selbstverständlich zu einem guten Wetterbriefing gehören, muss ich dir eine Geschichte erzählen, die mir deutlicher als jede Theorie gezeigt hat, wie schnell man sich selbst austricksen kann und wie brutal die Quittung ausfällt, wenn man das Wetter nicht ernst genug nimmt.

Ich bin viele Jahre Gleitschirm geflogen, lange bevor ich ein UL gesteuert habe. Damals habe ich natürlich auch auf das Wetter geschaut, aber nicht mit einer übertriebenen Vorsicht oder dem Anspruch, jede Kleinigkeit auf die Goldwaage zu legen. Ich wollte einfach fliegen, und meistens war es auch halbwegs passend. Daraus entsteht irgendwann ein gefährlicher Mechanismus: Man gewöhnt sich daran, dass es schon „irgendwie geht“. Das Gehirn speichert nicht die heiklen Momente, sondern die vielen Flüge, an denen es besser war als gedacht. Mit der Zeit fühlt sich dieses Muster wie Erfahrung an, in Wahrheit ist es aber nur Gewöhnung. Man beginnt, Erfahrungswerte falsch zu interpretieren.

Es waren diese Tage, an denen 15 Knoten prognostiziert waren und tatsächlich nur fünf am Startplatz anlagen. Tage, an denen Böen angesagt waren und man trotzdem butterglatte Luft hatte. Tage, die einen langsam, Stück für Stück, dazu bringen, das eigene Warnsystem zu ignorieren, weil es ein paar Mal gut gegangen ist. Und wenn etwas ein paar Mal gut geht, fängt der Mensch an, das Muster umzudeuten: „Ach komm, wird wieder so ein Tag, wo alles harmlos aussieht.“

Bis zu dem Tag, an dem es nicht harmlos war

Ich startete bei Föhneinfluss, etwas, das ich heute nicht einmal mehr in Erwägung ziehen würde und ich flog an einen Hang, an den man bei Südwind einfach nicht fliegt. Ich tat es trotzdem, und der Schirm kollabierte mir an einer Stelle, an der du keine Reserven mehr hast. Die Spirale, in die ich rutschte, war nicht mehr steuerbar, zweimal eingetwistet mit den Tragegurten, die Sinkrate jenseits von allem, was du mit Technik oder Können einfangen kannst, Rettungsschirm war keine Option mehr, zu tief über dem Grat, dass die Entscheidung eigentlich keine Rolle mehr spielte. Es war dieser Moment, in dem du nicht mehr fliegst, sondern nur noch Zuschauer deines eigenen Unfalls bist. So abgedroschen es klingt: In diesem Moment lief tatsächlich mein Leben vor mir ab. Ich habe das früher immer für eine Floskel gehalten. Für etwas, das man sagt, wenn man dramatisch sein will. Es war keine Floskel. Es war ruhig. Klar. Und es fühlte sich endgültig an.

Ich überlebte, weil genau an der Hangkante ein Baum stand, der mich abgefangen hat. Der Einschlag war massiv, aber ich habe überlebt. Ein Meter weiter links und dieses Kapitel wäre hier zu Ende gewesen.

Dieser Tag hat mich geprägt. Nicht fliegerisch, sondern menschlich. Er hat mir gezeigt, wie schmal die Grenze ist zwischen „ich hab’s im Griff“ und „ich war eine Sekunde lang arrogant“. Und er hat mir eine Regel eingebrannt, die für alles gilt, was jetzt in dieser Masterclass kommt:

Das Wetter ist nicht dein Gegenspieler, aber es ist auch nicht dein Komplize. Wenn du es unterschätzt, bestraft es dich sofort. Wenn du es respektierst, fliegst du länger.

Das ist leider Fakt! Du wirst Tage haben, an denen du am Boden stehst, den Flug streichst und dir später anhören musst, wie andere zurückkommen und schwärmen, als wären sie eben durch das Tor zum Paradies geflogen. Und natürlich nagt das. Natürlich kratzt das am Ego. Natürlich hörst du diesen Satz „Es war der beste Flug meines Lebens!“ und irgendwo in dir fragt etwas: „War ich zu vorsichtig? Habe ich überreagiert?“

Was du in diesem Moment nicht siehst, ist die Realität hinter solchen Geschichten: Vielleicht war es wirklich perfekt. Vielleicht hatten sie einfach Glück. Vielleicht gab es ein Wetterfenster, das so schmal war, dass man es nur dann trifft, wenn man zufällig genau zur richtigen Minute dort ist. Oder vielleicht war es reiner Zufall, dass nichts passiert ist.

Wetter bewertet nicht deine Skills, deine Routine oder dein Selbstbild, es würfelt, und manchmal zeigt der Würfel eben eine gute Zahl.

Aber eins ist sicher: Wetter ist kein Spiel, bei dem man gewinnen kann. Wetter ist ein Risiko, das man nur verlieren kann. Und deshalb sage ich dir das hier zu Beginn, bevor wir über das Wetter sprechen: Lieber einen Flug zu konservativ streichen, als einen zu mutig durchziehen. Eine einzige Fehlentscheidung kann dir die Zukunft versauen, sie kann dich gesundheitlich oder mental komplett resetten. Genau das, was dir einmal Halt gegeben hat, was dir Freude gemacht hat, wenn du es gelebt hast, wird nach so einem Bruch plötzlich zur Quelle von Angst. Du weißt noch, wie es sich angefühlt hat, warum du es geliebt hast, aber du kommst innerlich nicht mehr dahin. Du willst es dir nicht eingestehen, kämpfst dagegen an, versuchst, die alte Leichtigkeit zurückzuholen. Und je mehr du es erzwingen willst, desto weiter entfernt sie sich. Bis du irgendwann aufhörst. Nicht, weil du willst, sondern weil es nicht mehr geht.

Für mich war dieser Unfall rückblickend der eigentliche Startpunkt ins UL Fliegen. Und so klar sich das heute anfühlt, so wenig selbstverständlich war es damals. Ich war erst einmal einfach nur froh, überhaupt wieder etwas zu haben, das mich in die Luft gezogen hat. Gleichzeitig war da ein massives Misstrauen. Kein rationales, sondern ein tiefsitzendes. Ich wusste, ich muss wieder fliegen, aber ich war geprägt. Der Gleitschirmunfall saß mir im Nacken, bei jeder Bewegung, bei jedem Moment, in dem die Kontrolle auch nur gefühlt nicht hundertprozentig bei mir lag. Besonders deutlich wurde mir das beim ersten Mal, als ich im UL wirklich spürbare Turbulenzen erlebt habe. Nicht dieses leichte Geruckel, sondern echte Unruhe in der Luft. In dem Moment war es schlagartig wieder da. Kein Gedanke, kein Bild, sondern ein körperlicher Flashback. Der Magen zieht sich zusammen, die Muskeln gehen auf Spannung, der Blick wird enger. Für ein paar Sekunden war ich nicht im Cockpit, sondern wieder ganz woanders. Das war extrem unangenehm. Nicht panisch, aber alarmierend. Als hätte der Körper schneller verstanden als der Kopf, was diese Bewegung bedeutet. Genau da wurde mir klar, wie tief das Ganze noch saß.

Die ersten Flüge waren alles andere als schön. Der Kopf war voll. Voll von Bildern, von Möglichkeiten, von „Was wäre wenn“. Das Kopfkino lief permanent. Viel Kontrolle, wenig Leichtigkeit. Mehr Denken als Genießen. Ich saß im Flieger und war eigentlich nur am Scannen. Rausgucken, prüfen, vergleichen, absichern. Ich bin zu meiner ersten Flugstunde mit Traffic Warner gekommen, was im Nachhinein viel über meinen Zustand sagt. Wer viel in den Bergen unterwegs ist, kennt das: gerade in guten Bedingungen ist die Verkehrsdichte hoch. Viele Luftfahrzeuge, unterschiedliche Höhen. Die Flüge waren unentspannt. Ehrlich gesagt: teilweise irre. Ich wollte fliegen, unbedingt. Aber es fühlte sich nicht leicht an. Es war ein komischer Zustand zwischen Zwang und Notwendigkeit.

Ich habe die Ausbildung trotzdem durchgezogen. Relativ konsequent. Aber Spaß machte das alles erst einmal nicht. Auch die ersten Flüge in die Berge waren alles andere als geschmeidig. Das war keine Rückkehr in eine alte Heimat, das war Konfrontation. Teilweise bewusst. Ich bin über die Unfallstelle geflogen, mehr als einmal. Nicht aus Abenteuerlust, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich da etwas klären muss, mit mir selbst. Aber auch das war am Anfang kein befreiender Moment. Kein „Jetzt ist alles gut“. Es war Arbeit. Innere Konfliktbewältigung, mit Blick auf Gelände, das mehr Erinnerungen als Schönheit transportiert hat.

Und das Entscheidende: Es war auch nach dem Schein nicht plötzlich anders. Da kam kein Schalter, kein Klick. Ich war offiziell Pilot, aber innerlich noch weit weg von dem, was Fliegen für mich früher einmal war. Leichtigkeit war da keine. Vertrauen auch nicht. Nur Routine, Disziplin und der Wille, dranzubleiben.

Was dann kam, kam langsam. Flug für Flug. Entscheidung für Entscheidung. Nicht plötzlich, nicht spektakulär. Sondern leise. Mit jeder Situation, die ruhig geblieben ist. Mit jedem Moment, in dem nichts eskaliert ist. Mit jedem Flug, bei dem ich gemerkt habe: Das passt. Das war richtig. Genau darin hat mich das Fliegen wieder dorthin zurückgeführt, wo damals etwas kaputtgegangen ist. An den Ort, an dem mir etwas genommen wurde.

Heute kann ich ehrlich sagen: In dieser Art des Fliegens habe ich nicht nur etwas Neues gefunden. Ich habe mir etwas zurückgeholt. Anders als früher, bewusster, konzentrierter, weniger naiv. Aber wieder mit Freude. Und vor allem mit Ruhe. Dieses Zurückarbeiten zu dem Punkt, an dem Fliegen wieder selbstverständlich wird, hat verdammt viel Zeit gekostet. Es war nicht einfach und schon gar nicht heroisch. Aber genau deshalb ist es heute umso klarer.

Heute geht es für mich gar nicht mehr ohne. Nicht, weil ich etwas kompensiere, sondern weil ich mir etwas zurückerobert habe. Flug für Flug. Was mir dabei am meisten geholfen hat, war ein besseres Gespür für das, was die Luft draußen wirklich macht. Und das führt zwangsläufig zum Wetter. Keine Sorge, dass hier wird kein Meteorologie Grundkurs. Ich zeige dir einfach die Werkzeuge, mit denen ich arbeite und die mir draußen tatsächlich helfen.